Meine Kenia-Chroniken: Die ganze Wahrheit und wie mich meine Reisen Stück für Stück verändert haben

Dieser Artikel ist Teil vom Projekt 360: Um die Welt, zu dir selbst. Danke, Igor, für diese tolle Idee!

Nach dem Abi und dem Jakobsweg stand fest: Nach der nächsten Reise wird studiert. Damit du einen guten Job findest und dann mehr reisen kannst.

Also brach ich auf – das erste Mal nach Kenia.

Das zweite Mal nach Afrika, weil ich schon in Südafrika gewesen bin. Der Plan war: fünf Monate Freiwilligenarbeit in einem Waisenhaus in Nairobi.

Nach zwei Monaten hatte ich genug von der Metropole, den Kindern und dem Gefühl, nicht wirklich nützlich zu sein. Darum verbrachte ich den Rest der Zeit als Freiwillige in Selbsthilfeprojekten, die mit Selbstversorgung und dem Schutz des Regenwaldes zu tun hatten.

Bei meiner ersten Rückkehr weinte ich im Auto meines Vaters, der mich vom Flughafen abholte. Ich merkte erst da, wie viel meine Reise mit mir gemacht hatte.

Als erstes erklärte ich meiner Familie, dass ich nicht gleich mit dem Studium beginnen wollte, sondern schon die nächste Reise im Kopf hatte. Dann erklärte ich ihnen, dass ich verlobt war. Und zwar mit einem Kenianer, den ich acht Monate später zum Weihnachtsbesuch nach Deutschland einladen wollte.

Es folgte eine Fahrradtour, mit der ich Spenden sammelte für ein kenianisches Projekt. Die Bekanntschaft mit WWOOFing und Permakultur. Und die schmerzhafte Erkenntnis, dass ich mich plötzlich vor meinen Freundinnen für meine Ansichten rechtfertigen musste.

Meine erste Reise nach Kenia hatte aus einer neugierigen Abiturientin eine gebundene Reise-Verrückte gemacht.

Nach dem geglückten Weihnachtsbesuch meines Verlobten flogen wir zusammen zurück, um die gesammelten Spenden bei einem Work Camp einzusetzen. Ich wurde plötzlich nach meiner Meinung und meinen Ideen gefragt, um bei der Entwicklung einer Schule und eines Krankenhauses mehr als nur einen kleinen finanziellen Teil beizusteuern.

Nebenbei musste ich auch oft zwischen den Anwohnern und den internationalen Freiwilligen vermitteln. Und meistens konnte ich nur zusehen, wie die verschiedenen Kulturen sich missverstanden, aneinander prallten und sich nur in einem komplizierten Prozess wieder aus dem Murks herausschälen konnten. Ich verstand und akzeptierte plötzlich zwei Seiten, zwei Ansichten gleichzeitig. War ich auch so stur gewesen, als deutsche Freiwillige bei der ersten Reise?

Zum zweiten Mal verabschiedete ich mich von Kenia. Meine Fernbeziehung war bekräftigt und mein Verständnis vertieft.

Nach anderthalb Jahren hatte ich endlich begeistert mit dem Studium begonnen: Kulturwissenschaften und Afrikanistik. Und wieder flog ich nach Kenia. Dieses Mal als Teil der Familie.

Mein Verlobter hatte uns ein Haus auf dem Familiengrundstück gebaut, was soviel Wert war wie ein eigenes Zimmer, das uns zuvor nie zur Verfügung gestanden hatte.

Ich verbrachte auch viel Zeit mit meiner Schwiegermutter in der Küche und auf dem Feld. Trotzdem war der Aufenthalt für mich fast wie Urlaub. Wir besuchten Freunde und ich nahm am Familienalltag teil.

Ich lernte einige mir neue Ansichten, Frauenbilder, Erwartungen und Familienabläufe kennen. Ich haderte mit ihnen. Und doch ordnete sich irgendwann alles in ein „Nebeneinander“ anstatt ein „Gegeneinander“, in ein „So und auch so“ anstatt ein „Nur so und so nicht“.

Ich merkte, dass Reisen Teil meines Lebens und Alltags sein konnte – und dass Alltag auch Teil einer Reise ist. Und dass es mich nicht zu einem besseren, interessanteren oder bewundernswerten Menschen macht, regelmäßig nach Kenia zu reisen, manchmal bei einem Projekt mit zu helfen und hauptsächlich am Alltag dort teilzunehmen.

Ich wollte genau diese Erkenntnis den Daheimgebliebenen weitergeben und nahm viele Videoclips auf, die ich zu einem netten Filmchen zusammenschneiden und in Deutschland zeigen wollte.

Der dritte Abschied war schon überraschend „trocken“, was das Tränenpensum anging. Beim ersten Mal war es noch Schluchzen, Rotz und tagelange Überforderung in Deutschland gewesen. Beim zweiten Mal ein tränenreicher Abend. Jetzt tupfte ich mir noch im Flugzeug die Augen trocken.

Denn ein Jahr später ging es ja schon wieder los.

Diesmal zum Studieren. Ich schrieb meine Bachelorarbeit in Kenia. Und daneben hatte ich viel freie Zeit, die mich sehr geprägt hat. Und zwar nicht, weil ich draußen war, Orte entdeckte, Bekanntschaften machte und Erlebnisse sammelte.

Sondern weil es ein Angebot vom Internet-Provider gab: Kaufe dir Datenvolumen für 10 Euro (reicht für ca. einen Monat), und du kriegst extra Datenvolumen im Wert von 7,50 Euro, das du eine Woche lang zwischen 22 Uhr und 10 Uhr nutzen kannst.

In diesen Nächten und Morgen nahm ich an Online-Kursen teil und las und recherchierte viel. Zum einen über Minimalismus, Permakultur, Selbstfindung. Zum anderen über die Privilegien, die wir Menschen aus dem globalen Norden haben und die es uns erlauben, zu reisen. Über die Vorurteile und Machtstrukturen, die das ermöglichen. Kurz: In diesen Nächten und Morgen legte ich den Grundstein für Mind Set Travel.

Ich begann zu bloggen. Ich besuchte gleich mehrmals die kenianische Küste. Ich durfte zum ersten Mal meiner Familie meine zweite Heimat zeigen.

Mir wurde zum ersten Mal etwas geklaut. Erst mein Handy, mitten auf der Straße. Und dann mein Laptop mit meiner Abschlussarbeit, bei einem bewaffneten Überfall im Bus. Ich musste meine Arbeit fast von vorne beginnen und habe während der zwei Wochen die größte Unterstützung meines Mannes erfahren. Denn mein Verlobter war inzwischen mein Mann geworden.

Auch all die Videoclips waren damit weg, was mich erleichterte. Denn bei genauerem Hinsehen hatte ich mit ihnen genau die Stereotype und Vorurteile reproduziert, die ich doch inzwischen eigentlich vermeiden wollte.

Zum vierten Mal verließ ich Kenia. Ich war BA. Ich hatte angefangen zu joggen, was ich nie zuvor von mir gedacht hätte. Ich war verheiratet. Ich war mir meiner Verantwortung als Reisende und Berichtende bewusst und doch so verwirrt, wie ich je über Kenia sprechen sollte. Und ich war auf dem Weg zu meinem Master in Schweden.

Kenia-Reise Nummer fünf

Mein Trauzeuge und bester Freund holt mich ab, denn mein Mann studiert. Wir haben eine eigene kleine Ein-Zimmer-Wohnung. Unsere Ausgaben sind gering und so ist es nicht schlimm, dass ich die Jobs, für die ich mich halbherzig bewerbe, nicht bekomme.

Ich lerne mehr übers Bloggen, über Marketing, übers Freelancen. Ich initiiere das Entrepreneur Café in Nairobi. Ich lerne Couchsurfer kennen. Ich initiiere das Live Your Legend Meeting in Nairobi. Ich mache ein Video für meine Oma zum Geburtstag, damit sie sich einen Tag im Leben in Nairobi vorstellen kann. Einen Monat später mache ich noch ein Video, als Rückblick sozusagen. Diese persönlichen Monatsvideos bekommen Freunde und Familie bis heute von mir.

Freunde und Familie werden mir wichtiger. Meine Schwester kommt mich zum zweiten Mal besuchen. Wir fahren durchs Land und machen gleichzeitig einen Selbstfindungskurs.

Ich selbst werde mir wichtiger. Mein Sinn, meine Überzeugungen und auch meine Zweifel und Gefühle werden mir wichtiger. Ich probiere alles aus, vom HIIT-Workout über Yoga, Meditation, Dream Journaling, regelmäßigem Gottesdienst und Dear-Future-Me-Briefen, bis hin zu Businessplänen, Dankbarkeits-Tagebuch, Social Media Strategien und Online-Konferenzen.

Als ich Kenia zum fünften Mal verlasse, wächst die Überzeugung, ab jetzt nie mehr eine Fernbeziehung haben zu müssen. Denn mein Mann ist mit dabei.

Es wächst die Lust auf Eigenständigkeit und die Motivation, statt eines Jobs die Selbstständigkeit auszuprobieren. Es wächst die Sicherheit, das Vertrauen und das Wissen, dass schon alles gut werden wird. Es wächst der Glauben in mich selbst, meinen Lebenssinn und meine Aufgabe in dieser Welt. Und es wächst ein kleiner Mensch in meinem Bauch.

Kenia hat aus einer neugierigen Abiturientin eine selbstständige Frau gemacht.

Wahrscheinlich hätte ich diese Entwicklung auch ohne Kenia geschafft. Und Kenia wäre wahrscheinlich auch ganz gut ohne mich ausgekommen. Aber jetzt haben wir uns an der Backe, und wir werden uns so schnell nicht mehr los. Und das ist im positivsten aller Sinne gemeint.

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