Meine Dreadlocks und warum du in Afrika nicht barfuß laufen musst

Kulturelle Aneignung sorgt seit ein paar Jahren für hitzige Debatten. Das solltest du als Reisende*r wissen.

Ich verfolge die Nachrichten schon lange nicht mehr. Und auch von Trendwörtern, Hashtags und popkulturellen Phänomenen habe ich wenig Ahnung.

Darum schreibe ich diesen Artikel, um zu zeigen, wie eine Normalsterbliche wie ich mit den Online-Diskussionen über kulturelle Aneignung umgehen kann.

Das ist wichtig, weil ich, gerade als ich das hier schreibe, als einzige Weiße in einem Gemeinschaftsbüro in Kenia sitze. Und das ist wichtig für dich, wenn du dich auf den Weg in den globalen Süden machst, oder von dort zurückkommst.

Auch in Zeiten von Fasching und Festivals muss man sich als verantwortungsvolle*r Reisende*r mal damit auseinandergesetzt haben.

Dabei geht es nicht um politische Korrektheit, sondern einfach um einen angenehmen, gleichwertigen Umgang miteinander.

Kulturelle WAS?

Kulturelle Aneignung, wie ich sie in diesem Artikel behandle, findet statt, wenn Mitglieder einer dominanten Kultur (im globalen Norden) kulturelle Elemente benutzen von Menschen, die systematisch von dieser dominanten Gruppe unterdrückt wurden.

  • Kulturelle Aneignung ist, wenn du sorglos mit „indianischem Federschmuck“ übers Festival feierst, während Menschen, die sich mit solchen Dingen identifizieren und die für sie einen heiligen Charakter haben, für das Tragen bestraft oder herabgewürdigt wurden und werden.
  • Kulturelle Aneignung ist, wenn du dir ein Bindi als modischen Hingucker auf die Stirn klebst, während eine Frau, für die ein solches Bindi Ausdruck ihrer Identität ist, deswegen vielleicht benachteiligt oder unterdrückt wird.
  • Kulturelle Aneignung ist, wenn sich Essen in Deutschland bestens verkaufen lässt, wenn es als „echt orientalisch“ beschrieben wird, gleichzeitig aber „orientalische“ Lebensweisen, Ansichten und Handlungen als rückständig, unterentwickelt und unseriös betrachtet werden.

Es spielt also immer das Machtverhälnis eine Rolle. Ein klischeemäßiges Oktoberfest in Namibia oder weit gereiste, internationale und interkulturelle Kulturgüter wie die Jeans, der Bagel oder das Curry sind keine kulturelle Aneignung. Selbst wenn du dich mit dem Oktoberfest identifizierst und die namibische Version auf dich grotesk, übertrieben oder eindimensional wirkt, wird es dir als Weiße*r (auch in Lederhosen) wohl besser ergehen als einem Namibier in Deutschland: bessere Reisemöglichkeiten, bessere Jobaussichten, bessere Versicherung, bessere finanzielle Sicherheit, …

Ich und meine Dreads

Ich hatte vier Jahre lang Dreadlocks, weil ich das schön fand. Als ich es nicht mehr schön fand und die Pflege zu anstrengend, habe ich sie wieder herausgekämmt. In meiner deutschen Heimat war es vielleicht merkwürdig, aber durchaus akzeptiert, dass ich als Weiße Dreadlocks hatte. In Kenia werden Dreadlocks dagegen mit Dieben in Verbindung gebracht. Kenianer mit Dreadlocks gelten besonders auf dem Land als nicht vertrauenswürdig und sogar schmutzig.

Das ist geschichtlich bedingt: Die Mau Mau waren Widerstandskämpfer, die blutig gegen die Unterdrückung der britischen Kolonialisten kämpften. Bis heute werden sie teilweise als Sekte bezeichnet, und eines ihrer Erkennungsmerkmale waren Dreadlocks. Damit drückten sie – wie auch die schwarzen Widerstandskämpfer gegen die Sklaverei und die Unterdrückung der Schwarzen in den USA – ihre stolze Abgrenzung von den (Schönheits)Idealen der weißen Unterdrücker aus.

Anderswo, zum Beispiel in Jamaica, haben Dreadlocks wieder andere religiöse und politische Bedeutungen. People of Colour mit Dreadlock wurden und werden deswegen diskriminiert, während Weiße mit Dreadlocks von der Gesellschaft akzeptiert werden.

Du und deine Afrikakenntnis

Wenn du eine Weile in einem afrikanischen Land wohnst oder reist, wirst du dich früher oder später in der Lage fühlen, bestimmte Dinge und Situationen einschätzen und bewerten zu können. Du wirst annehmen, dass du inzwischen weißt, wie Sachen hier funktionieren.

  • Du wirst vielleicht auf dem Land barfuß laufen, wie die älteren „Mamas“.
  • Du wirst einen bunten Leso tragen.
  • Du wirst Lasten auf deinem Kopf tragen.

Das wird sehr authentisch aussehen auf den Fotos, die du auf den sozialen Medien teilst.

Das Problem:

  • Die Frauen laufen barfuß, weil sie kein Geld haben, um sich wie die meisten anderen ihrer Landsleute Schuhe zu kaufen. Oder weil sie das eine Paar für den Kirchgang am Sonntag sauber halten wollen und die Straße nicht geteert ist.
  • Mit einem Leso siehst du in der Stadt höchstens lächerlich aus, zumindest ist das in Nairobi so. Kenianer, die Lesos tragen, kommen offensichtlich vom Land und haben keine Ahnung vom gehobeneren Dresscode in der Stadt.
  • Mit Lasten auf dem Kopf siehst du vielleicht authentisch aus, aber du lächelst auf dem Foto nur, weil du das nicht täglich machen musst. Zu Hause wirst du ein Fahrzeug zum Lastentransport nutzen und trinkbares Leitungswasser steht dir zur Verfügung. Nur deshalb musst du nicht jeden Tag literweise Wasser auf dem Kopf tragen.

Ich möchte dich damit nicht verunsichern oder gar angreifen. Im Gegenteil.

Ich selbst lerne jeden Tag wieder etwas dazu, dabei reise ich seit 2008 regelmäßig nach Kenia. Und oft genug sehe auch ich eher lachhaft als authentisch aus und trete in Fettnäpfchen.

Die und ihre Aneignungen

Kulturelle Aneignung wird noch komplizierter, wenn man bedenkt, dass es in Nairobi eine aufstrebende Mittelklasse gibt. Ihre Mitglieder lassen sich aus diesen Lesos moderne Blazer nähen. Das gilt als stylish und individuell. Menschen in der Diaspora tragen weiterhin kulturelle Kleidung und werden dafür bewundert, während ihre Landsleute anderswo dafür stigmatisiert werden.

Und was ist, wenn du von einem Maasai typischen Perlenschmuck geschenkt bekommst? Tragen oder nicht tragen? Und wann und wo tragen? Nur bei kulturellen Anlässen, bei denen die Maasai dafür bewundert werden? Oder auch in der Stadt, womit du als Tourist herausstichst? In Nairobi werden Maasai in ihrer Kleidung belächelt und nicht ernst genommen, weil sie „an ihrer rückständigen Kultur festhalten“.

Die Sache ist kompliziert und ich habe keine Antworten.

Trotzdem liegt es mir am Herzen, dass du davon weißt. Was hilft, ist eine offene Haltung: Akzeptanz und Respekt, Zuhören und besonders Selbstreflektion sind die Schlüssel zu verantwortungsvollem Reisen.

Sei dir bewusst, dass das, was du trägst oder tust nicht in einem Vakuum stattfindet. Es ist immer in einen Kontext von Kultur und Machtverhältnissen eingebunden.

Bist du schon mal in so ein Fettnäpfchen getreten? Was trägst du auf Festivals? Lass es mich wissen, unten in den Kommentaren.

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