Ist dieser Hund exotisch?

Eines Tages bekamen wir ein Geschenk von einem Freund. Es war klein, hatte blondes Fell, vier Beine und einen Schwanz. Es hieß Dolly. Es war ein Hund.

Ich muss erstmal ein bisschen ausholen und etwas zu Haus- und Nutztieren in Kenia erklären.

Während all meiner Aufenthalte in Kenia habe ich insgesamt nur drei weiße Haushunde gesehen. Die anderen waren meistens eher Streuner oder Sicherheitspersonal. Das bedeutet, sie werden nicht gestreichelt. Die Besitzer füttern sie, schlagen sie aber auch, wenn sie aufdringlich werden. Ich trainierte Dolly ein wenig. Doch auch vor ihr hatten Kinder und Erwachsene Angst, so wie sie vor anderen Hunden Angst haben.

Verglichen mit anderen Hunden in Kenia, die eher kurzes, raues Fell haben und etwas knochig sind, ist Dolly fast flauschig, besonders ihre Ohren. Außerdem ist sie etwas kleiner als andere Hunde.

Wir riefen den Tierarzt an, damit er sie impfte. Er füllte einen kleinen pinken Hundepass aus.

Name: Dolly

Colour: brown

Breed: exotic

Ich musste lächeln. Und es brachte mich auch zum Nachdenken.

Diese Hunderasse kommt in Kenia nicht so oft vor. Sie wird deshalb als „exotisch“ bezeichnet.

Das trifft auch auf andere Bereiche zu. Es gibt exotische Baumarten und exotische Kühe. Ich habe gemerkt, dass Kenianer das Wort „exotisch“ benutzen, um Spezies zu beschreiben. Tatsächlich kommen die so bezeichneten Spezies von Tieren oder Pflanzen in meinem Land sehr oft vor!

Das Wort exotisch kommt wohl aus dem 18. Jahrhundert. Es stammt vom griechischen exōtikos (fremd). exō bedeutet außerhalb. Die alten Griechen bezeichneten alles außerhalb Griechenlands – oder sagen wir alles außerhalb der europäischen Sphäre – als exotisch.

Kann denn dann etwas, was innerhalb der europäischen Sphäre geläufig ist, überhaupt als exotisch bezeichnet werden? Wer darf darüber entscheiden?


Wir machen einen kleinen Exkurs.

Was sagt dir dieses Bild?

Das sind Bücher, die alle irgendwas mit „Afrika“ zu tun haben. Und sie alle zeigen eine Akazie im Sonnenuntergang. Laut der Verlage, die diese Buchtitel außerhalb Afrikas kreieren, ist Afrika orange und exotisch. 

Anderswo wird es als „unberührtes Land“ beschrieben, rau und „von der Zivilisation noch nicht zerstört“. Die Männer sind „die besten Liebhaber“, die Frauen tragen „traditionelle, bunte Kleidung“ und sind „energetisch und emotional“.

Was ist das Problem dabei, wenn wir etwas als exotisch oder fremd bezeichnen, selbst wenn wir meinen: anziehend, attraktiv, interessant?

Wenn wir uns darauf konzentrieren, wie gut jemand tanzen kann, oder wie bunt jemand gekleidet ist, oder wie wild und vielfältig ein bestimmter Naturraum ist – ist das nicht eigentlich positiv? Was hat das mit Rassismus zu tun?

Die Probleme mit der Exotisierung von Menschen und Ländern:

  • Diese Terminologien stammen aus dem kolonialen Vokabular. Sie rechtfertigen, dass wir Unterscheidungen vornehmen. Die Kolonialmächte werden dabei immer aufgewertet. Dies trägt dazu bei, dass koloniale Machtstrukturen zwischen dem globalen Süden und dem globalen Norden bis heute aufrecht erhalten werden können.
  • Menschen werden generalisiert. Bestimmte Eigenschaften werden ihnen einfach zugeschrieben. Unterschiede und Vielfältigkeiten verschwinden. Individuen gehen in der Masse unter.
  • Meistens konzentrieren sich Beschreibungen vom Exotischen auf emotionale oder visuelle Aspekte. Die intellektuellen Fähigkeiten einzelner Personen, was sie eigentlich menschlich macht, wird ignoriert.
  • Der „exotische“ globale Süden wird zum Kontrast zum „aufgeklärten“, „rationalen“ und „wohlorganisierten“ globalen Norden. Wenn wir eine Gruppe von Menschen als exotisch beschreiben, stellen wir gleichzeitig uns selbst und unsere Kultur über sie.
  • Das Gleiche gilt für wilde, exotische Landschaften. Darin können Reisende sich als mutige Abenteurerinnen, Entdecker und Heldinnen präsentieren. Das akademische, wirtschaftliche und politische Potential dieser Länder zählt nicht.

Um es etwas weniger theoretisch auszudrücken:

Wenn wir uns nur auf bunte Kleidung und abenteuerliche Natur konzentrieren, vergessen wir die Akademiker. Es gibt Literatur aus Afrika, die auch ohne Sonnenuntergänge und Akazien auskommt.

Wir beschreiben die Menschen im globalen Süden als emotionale, kindliche Leute. Und wir aus dem globalen Norden wirken dadurch wie rationale Erwachsene, die sich aufopfern und ihre Komfort-Zone verlassen, um diesen emotionalen Wesen zu helfen.

Doch kannst du dir vorstellen, dass die Maasai schon viel länger Handy-Überweisungen machen als du?

Und afrikanische Männer sind sogar auf Facebook!

Hier sind ein paar Gegenüberstellungen, die wir unbewusst machen.

Wie du schnell erkennen wirst, sind solche Wörter keineswegs neutral:

entwickelt – unterentwickelt

normal – exotisch

rational – emotional

modern -traditionell

Stadt – Land

Ordnung – Chaos

gebildet -primitiv

gesund – krank

realistisch -naiv

Zivilisation – wild

Spenden – bedürftig

weiß -schwarz

Ich glaube, es ist okay, bestimmte Spezies von Tieren oder Pflanzen als exotisch zu beschreiben, also als ungewöhnlich, nicht einheimisch, von außerhalb.

Doch als Reisende müssen wir vorsichtig sein mit der Exotisierung von Landschaften, Menschen und ganzen Kontinenten.

Wie gehst du mit „dem Exotischen“ um? Fällt es dir leicht, hinter das exotische Bild zu blicken? Sag mir unten in den Kommentaren Bescheid.

4 Gedanken zu „Ist dieser Hund exotisch?

  1. Der Begriff des „Exotischen“ liegt im Auge des Betrachters. Für die meisten Betrachter ist „exotisch“ nichts weiter als eine Umschreibung für etwas, das ihnen fremd und neu ist. Bereise ich Afrika, so bin ich (mehr oder weniger) exotisch für die Menschen dort. Und sie für mich. Und ja, dem Begriff haftet ein wenig das Traditionelle an. Wir denken dabei an bunte Kleider und Sonnenuntergänge. Und woran denkt ein Afrikaner? An die Hochhäuser in Frankfurt?

    Vielleicht sollten wir die Begrifflichkeiten so belassen wie sie sind und es akzeptieren, dass sie von Menschen pauschal verwendet werden. Vielleicht sollten wir den Menschen nicht unterstellen, dass sie sich dadurch „aufwerten“ und ihr gegenüber „abwerten“ wollen. Der Begriff des Exotischen hat an und für sich, meiner Meinung nach, keinen abwertenden Beigeschmack – außer wir verleihen ihm einen solchen.

    Die erste Fastnacht in Mannheim nach der großen Flüchtlingswelle im Jahr 2016. Und während die Mannheimer feiern, stehen die Geflüchteten in kleineren Grüppchen ein wenig abseits und schauen sich verwundert das verrückte Treiben an. Manche gehen mit ihren Smartphones durch die Menge und filmen, manche machen Bilder. Für die Menschen sind wir exotisch, sind wir und unsere Festivität eine Sensation. Und warum auch nicht? Denn während wir – vor lauter Schuldgefühlen getrieben – versuchen, politisch korrekt zu sprechen und zu handeln, vergessen wir nur allzu gerne, dass eine gewisse Neugier, eine gewisse Sensationslust allen Menschen dieser Welt zueigen ist, dass sie nur natürlich ist und nur menschlich und dass keiner davon befreit ist.

    Und ja, jeder Mensch hat Klischees in seinem Kopf, jeder Mensch hält im jeweiligen Reiseland, bewusst oder unbewusst, nach diesen Klischees ausschau. Die Frage ist dabei: Sind wir bereit, ein Land und die Leute so zu sehen, wie sie wirklich sind? Oder picken wir uns nur Bilder heraus, die wir sehen wollen; die unsere eigenen Klischees bestätigen?

    Und verreisen wir denn nicht, um das exotische (in diesem Kontext: Das Neue, Fremde, Unbekannte, vermischt mit einer gewissen Faszination, die das Reisen ausmacht) zu erleben? Tun wir das nicht alle?

    1. Liebe Kasia, ein super Beispiel mit der Fastnacht! Vielen Dank für diesen Beitrag! Ich finde es nur schade, wenn in Reiseberichten und auf Fotos AUSSCHLIESSLICH das „Exotische“ betont wird. Jedes Land, jede Situation, jede Begegnung – ja, jede Person hat IMMER mehr zu bieten als das, was wir erwarten. Wenn wir uns nur auf den exotischen, bunten Sari, das ungewöhnliche, exotische Essen und die faszinierende, exotische Wohnung konzentrieren, könnte dabei untergehen, dass wir einer feministischen Street-Art-Künstlerin mit Doktortitel gegenübersitzen.

      1. Ja das stimmt. Es gehen den Menschen eine Menge Klischees durch den Kopf, ehe sie ein Land betreten, doch es ist wichtig, über den Tellerrand hinweg zu schauen. Unsere „exotischen“ Köchinnen in Namibia spazierten nach Feierabend allesamt in ihre Smartphones vertieft aus der Küche hinaus – so anders als bei uns ist es also gar nicht 🙂 Oft passiert es, dass wir auf Reisen unbewusst Folklore und Tradition erwarten, aber ist der Bänker in Indien weniger authentisch als der Tempelmünch? Länder und Menschen zu sehen wie sie sind – da bin ich vollkommen bei Euch 😉

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