Mein Haus in Kenia

oder: Wie Sprache Vorurteile und Rassismus transportiert

Mein Haus steht auf dem Land in Kenia, in der Nähe der ugandischen Grenze. Es hat ein hölzernes Grundgerüst, das mit Tonerde aufgefüllt und verputzt ist. Es hat einen zementierten Boden und eine Veranda. Das Dach ist aus Wellblech.

Ich habe die Wände selbst verputzt, mit einer Mischung aus Erde und Kuhdung. (Kuhdung ist wahrscheinlich das coolste natürliche Material auf diesem Planeten: Er versiegelt nicht nur Wände und Körbe oder glättet Vorhöfe. Er hält auch die Schlangen fern!

Mein Haus hat zwei Schlafräume, eine Dusche, ein großes Wohnzimmer und Glasfenster. Das hohe Dach und die Lücke zwischen Wellblech und Wänden verhindern, dass es sich zu sehr aufheizt, selbst wenn die Sonne drauf brennt. Man könnte sagen, mein Haus hat eine natürliche Klimaanlage.

Mein Haus steht auf dem Familiengrundstück neben den Häusern meiner Schwiegers. Manche dieser Häuser haben Grasdächer, andere sind aus Ziegeln und haben Wellblech-Dächer. Dort stehen auch die Küchenhäuser, ein kleiner Garten, Toiletten, ein Kuh-Gehege, ein Hühnerhaus, eine alte Vorratskammer und kleine Häuschen für Hunde und Enten.

Wenn ich meiner Schwiegermutter beim Kochen helfe, sagt sie: Bring das Essen ins Haus. Oder sie sagt: Der Vater ist nicht im Haus. Oder nach der Feldarbeit: Stell die Hacke einfach vors Haus.

Als ich meinem Vater zum ersten Mal ein Foto von meinem Haus zeigte, sagte er: Oh, das ist aber eine schöne Hütte!

Das hat mich verletzt. Es hörte sich für mich so an, als hätte ich keine anständige, wertgeschätzte, universell angesehene Unterkunft (sprich: ein Haus). Und als wohnte ich stattdessen in irgendeiner unterbewerteten, unvollkommenen, vielleicht sogar schmutzigen oder einfach armseligen Baracke – eben in einer Hütte.

Ich habe meinem Vater inzwischen natürlich vergeben. Denn auch ich habe diese Gebäude als Hütten bezeichnet, in meinen Reisetagebüchern der ersten Reisen nach Kenia. Dabei sind sie für die Bewohner einfach Häuser.

Ich war überzeugt: Afrikaner wohnen in Hütten. Ich wusste das aus Kinderbüchern, von meinen Lehrern, aus Filmen, der Werbung usw.

Wir gehen zum Arzt – sie gehen zum Medizinmann.

Wir haben einen Bürgermeister – sie haben einen Häuptling.

Unser Land ist in Bundesländer aufgeteilt – ihres in Stämme.

Um die Sache NOCH komplizierter zu machen:

Manche Kenianer benutzen diese Begriffe auch selbst. Jemand erzählte mir, es gäbe 42 Stämme in Kenia, und jeder identifiziere sich darüber. Stell dir mal vor, wie überrascht ich war, als ich in meinem ersten Semester der Afrikanistik hörte, das „Stämme“ und „Häuptlinge“ ein Konzept aus der britischen Kolonialzeit seien. Die Professorin sagte, das seien veraltete – sogar erfundene – Begriffe, und wir sollten sie nicht mehr benutzen.

„Aber sie sagen doch selber Stämme,“ protestierte ich. Ich habe mich doch in Kenia selbst mit dem Assistant Chief („Assistenz-Häuptling“) unterhalten, der sich selbst als solcher vorstellte. Das ist eine administrative Anstellung!

Es ist aber auch ein Wort, das Werte transportiert.

Ein Häuptling oder Chief ist nicht so kompetent wie ein Bürgermeister.

Stammeskriege sind dumm und unbegründet.

Und eine Hütte ist kein richtiges Haus.

Als Reisende müssen wir uns mehr denn je mit unserer Sprache auseinandersetzen. Warum bezeichnen wir das, was wir in Afrika sehen, anders als die selben Dinge, denen wir anderswo begegnen? Müssen wir abwertende koloniale Begriffe weiterhin bedienen?

Unsere Sprache und unsere Worte ständig zu hinterfragen ist sowas von schwer! Aber es lohnt sich. Und wir tragen diese Verantwortung.

Hast du dir schon mal wirklich Gedanken gemacht, was die Worte transportieren, die du benutzt? Erzähl mir deine Meinung, unten in den Kommentaren.

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