Das unbesiegbare Riesenmonster: 7+ Symptome von meinem Kulturschock

Dieser Artikel ist sehr verschnörkelt. Aber nur so kann ich ausdrücken, wie sich mein Kulturschock angefühlt hat. Und wie ich ihn habe gehen lassen.

Ich möchte ehrlich mit dir sein: Reisen ist nicht immer so schön wie es auf Instagram und Youtube aussieht.

Acht Wochen nach meiner Ankunft in Kaunas habe ich etwas durchlebt, was ich im Nachhinein teilweise als Kulturschock bezeichne.

Hier sind die Symptome:

Krankheitssymptome

Es begann mit einem Nachmittag, an dem mir schwindlig war. Ich musste mich aufs Sofa setzen und mich in Decken wickeln, weil ich fror. Bewegen wollte ich mich eigentlich gar nicht, weil dann gleich alles Karussell fuhr. Das ist aber ein bisschen schwierig zu gestalten, wenn man ein Kind hat.

Kopfweh machte sich breit. Sehr untypisch für mich.

Ich ging früh ins Bett. In der Nacht schwitzte ich das Laken durch. Das Kopfweh war am nächsten Tag immer noch da. Noch ungewöhnlicher.

Isolation und Überforderung

In der nächsten Woche wuchs mir alles über den Kopf. Ich fühlte mich isoliert und alleine. Ich konnte es kaum erwarten, dass die Stunden einfach vorbei gingen. Ich war unruhig und trotzdem überfordert und erschlagen.

Mich nervte das Kochen, mich nervte die Wohnung, mich nervte der Haushalt, das Wetter, der Alltag, das Einkaufen, die Menschen, die Stadt. Mich nervte sogar mein Kind.

Die einzigen Lichtblicke waren Spaziergänge, wenn es trocken war. Und Arbeit an dieser Webseite, wenn das Kind schlief und ich genug Kraft hatte, wach zu bleiben. Kam beides selten genug vor.

Meine Beziehung litt

Dann nervte mich mein Mann. Der nie da war und mir alle Arbeit überließ und Anschluss fand in seinem Studium und mir dann erzählte, wie anstrengend es doch sei, sich auf die Prüfungen vorzubereiten. Jede seiner Fragen fühlte sich an wie ein Angriff gegen mich. Bei jeder seiner Bewegungen wollte ich nur mit den Augen rollen.

Schlafprobleme

Ich schlief kaum. Dabei schlafe ich sonst immer und überall wunderbar. Ich schlief auf der Couch. Schwitzte, dachte nach, bekam Kopfweh, weinte. Ich überlegte, ob ich vielleicht mal weg sollte für eine Weile. Und dann erschlug mich wieder die Tatsache, dass mein Mann sich noch zwei Wochen lang voll und ganz aufs Studium konzentrieren musste. Ich fühlte mich wie eine schlechte Ehefrau und eine schlechte Mutter.

Gedankenkarussell

Ich steckte mittendrin im Sumpf und versuchte herauszufinden, wo genau ich war und warum ich dort gelandet war und wie ich wieder herauskommen sollte. Und je mehr ich nachdachte, desto tiefer wurde ich hineingezogen.

Meditation half auch nicht. Irgendwer hämmerte ein unsichtbares Brett gegen meinen Hinterkopf, sobald ich begann, auf meine Atmung zu achten.

Ich wollte nicht schon wieder selbst das Problem sein.

Mir war klar, dass ich selbst das Problem bin. So wie immer. Und ich wehrte mich so sehr und mit aller Kraft gegen diese Tatsache. Ich wollte mir nicht schon wieder eingestehen müssen, dass es wieder mal an mir lag. Dass ich mich wieder mal zusammenreißen musste. Dass das alles nur in meinem Kopf war. Und dieser Kampf kostete mich meine letzte Kraft. Ich nutzte meine letzten Energie-Reserven gegen das unbesiegbare Riesenmonster, das unwiderruflich auf mich zukam und über mir zusammenbrechen würde. Während es zielsicher auf mich zu wankte schrie es: Deine Schuld! Du selbst bist das Problem!

Ich sagte es laut: Ich weigere mich. Warum immer ich? Ich will nicht immer mein eigenes Problem sein! Kann ich nicht auch mal einfach jemand anderen Schuldigen finden und damit hat es sich?

Und je mehr ich das betonte und strampelte und um mich schlug, desto näher kam das Monster.

Zusammenbruch

Es brach über mir zusammen und ich brach unter ihm zusammen. Am Küchentisch weinte ich. Ich hatte keine Worte mehr zur Erklärung. Ich erschrak vor mir selbst. Ich war kurz davor, unser Kind sehr unfair zu behandeln, aus einer Kurzschluss-Aktion hervor.

Oh Gott, ich will nicht so reagieren, schluchzte ich, stellte mich an die Spüle und begann mechanisch, das Geschirr zu spülen. Einfach, um einige Momente vergehen zu lassen und nicht reagieren zu müssen.

Erholung bei inspirierender Arbeit

Und so verging die erste Woche in diesem Zustand. Wir fanden keine Lösung. Nur kam ich am Sonntag wesentlich erleichterter und erfüllter nach Hause. Ich hatte den ganzen Tag in einem Café verbracht und an meiner Webseite gearbeitet.

Ich beschloss, die zweite Woche einfach auszusitzen. Und eine Mischung aus Nicht-Reagieren und proaktivem Anpacken half mir.

Nicht-Reagieren und Lächeln

Ich wusste, es gibt keine andere Möglichkeit als zu warten, bis mein Mann seine Prüfungen geschrieben hatte. Eine Woche. Sieben Tage. Ich konnte es schaffen. Wenn unser Kind mich forderte, lächelte ich und reagierte nicht. Generell lächelte ich viel. Ich lächelte mir selbst zu und es fühlte sich erst sehr komisch und aufgesetzt an. Und dann wurde ich weich und musste wirklich über mich lächeln. Ich lächelte auch anderen zu. Anderen Leuten, und dem Regen, und der klemmenden Tür und dem Dreck auf dem Boden.

Ich nahm mir einen Tag und kochte alles Essen für die ganze Woche vor, sodass das Kochen mich nicht mehr stressen konnte. Ich ließ die Jahresplanung und Seelenarbeit, die ich begonnen hatte, ruhen. So konnten diese Aktionen mich nicht überfordern.

Maßnahmen ergreifen und frische Luft

Und dann schrieb ich meiner einzigen Freundin in Kaunas, ob sie Zeit hätte. Und den Couchsurfern, ob sie kommen wollten. Und einer veganen Köchin, ob wir sie besuchen dürften. Ich suchte nach Street Art und machte eine Tour, die einen halben Tag dauerte.

Ich fuhr raus aus der Stadt und ging mit dem Kinderwagen am Fluss entlang.

Ich postete auf Instagram mit Kind auf dem Schoß. Ich sagte öfter zu ihm: Okay, jetzt bist du dran. Jetzt hast du meine volle Aufmerksamkeit.

Es besserte sich. Ich schaffte es durch die Woche. Ich war freundlicher zu meinem Mann. Wir sprachen nochmal darüber. Er sagte, er habe dasselbe gefühlt in seiner ersten Zeit in Deutschland. Und dann hatte er meine Schilderung von Kulturschock gelesen, auf der englischen Version meiner Webseite. Und er hatte gemerkt, dass er selbst einen Kulturschock hatte.

Oh, sagte ich, dann ist das hier vielleicht auch einer.

So ganz überstanden ist es noch nicht. Hin und wieder zieht mich noch eine Kleinigkeit runter. Aber das ist normal. Gerade weil jetzt das Herbstwetter richtig schön kalt und feucht ist, weiß ich manchmal nicht genau, wohin mit mir oder uns.

Und natürlich waren diese Gefühle nicht alle nur dem neuen Land geschuldet.

Aber es gibt auch wieder Lichtblicke: Mein Mann hat mehr Zeit für unser Kind. Ich habe mehr Zeit für meine Webseite. Wir haben alle mehr Zeit füreinander. Und dafür, neue Bekanntschaften zu schließen.

Wir kriegen Besuch. Touren vorzubereiten und Ausflüge zu organisieren macht mir riesigen Spaß.

Und ich nehme jetzt wieder öfter ein heißes Bad und trinke still meinen Ingwertee. Mit anderen Worten: Ich habe mehr Lust, wieder was nur für mich zu tun.

Was sind deine Erfahrungen mit der Ankunft an einem neuen Ort. Wie macht sich der Kulturschock bei dir breit? Schreib mir unten in den Kommentaren.

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