3 Fragen, die du dir stellen musst, wenn du etwas über „den Süden“ liest oder siehst

Bevor du deine Reise antrittst, empfehle ich dir, Bücher oder Blogs zu lesen, die aus deinem Reiseland stammen oder es behandeln. Filme sind auch eine beliebte Möglichkeit, um sich auf die Reise einzustimmen.

Bücher, Filme, Blogs und auch die Nachrichten präsentieren jedoch nicht ausschließlich Fakten. Deshalb sind sie ja so unterhaltsam. Sie mischen Fakten und Meinungen, damit wir nicht nur Zahlen durchkauen müssen. Sie wollen uns ein Gefühl für das Reiseland geben.

Sie repräsentieren jedoch immer auch eine bestimmte Weltsicht und ein gesellschaftliches Wertesystem.

Deshalb solltest du dir folgende drei Fragen stellen, wenn du etwas über dein Reiseland gesehen oder gelesen hast:

1. Woher kommt die Autorin / der Autor?

Also ganz wörtlich: Aus welchem Land kommt die Journalistin, der Filmemacher, die Buchautorin? Aber auch: Welchen Hintergrund haben sie? Stehen sie in Verbindung mit bestimmten Institutionen oder Ansichten? Was veranlasst sie, diese Arbeit zu veröffentlichen?

2. Was passiert hier eigentlich?

Wer macht was mit wem? Oder wer hat was getan? Wer handelt, wer ist passiv? Wer übernimmt Verantwortung für bestimmte Taten oder streitet diese ab?

3. Was soll ich denken?

Zu welcher Ansicht soll ich gebracht werden? Wie sollen mich diese Aussagen beeinflussen? Was ist der Zweck dieser Veröffentlichung? Wen soll sie ansprechen?

Wir machen mal ein Beispiel.

Indien: Die Schein-Reform
Swapnil Patkar holt den Kartenleser aus der Schublade. Eigentlich ist das nur Show, er legt das Gerät gleich wieder zur Seite: „Wir haben seit ein paar Tagen Serverprobleme“, entschuldigt sich der Kioskbesitzer. Seine Kundin schuldet ihm zehn indische Rupien für ein paar Kekse, etwa 13 Cent. Ranjit Savarkar, der auch im Laden ist, kann aushelfen: „Wir machen das trotzdem ohne Bargeld“, sagt er, zückt sein Smartphone, öffnet eine App und überweist das Geld für die Kundin. Die zehn Rupien schuldet sie jetzt ihm.

Hier in Dhasai im indischen Bundesstaat Maharashtra sollte das eigentlich besser funktionieren. Es war Ende 2016 das erste bargeldlose Dorf des Landes. Seitdem haben der Händler Patkar und der Initiator Savarkar wohl Dutzenden Reportern gezeigt, wie hier bezahlt wird. Die Journalisten pilgern an diesen Ort, weil sie sehen wollen, was Premierminister Narendra Modi seit mehr als einem Jahr als Cashless India bewirbt. In den Zeitungen war damals das Foto einer Menschenmenge zu sehen, alle hielten ihre Bankkarten hoch, mittendrin der Finanzminister von Maharashtra – die Inszenierung war perfekt.

1. Woher kommt die Autorin?

Julia Wadhawan ist freie Journalistin und Redakteurin in Hamburg und Indien. Sie schreibt u.a. über Wirtschaft und Digitalisierung.

2. Was passiert?

In der Kiosk-Szene in einem indischen Dorf handeln die Bewohner in ihrem Alltag. Die Geschichte zoomt weiter heraus auf die Medieninszenierung des „Cashless India“.

3. Was soll ich denken?

Dass die große Idee des indischen Premiers im kleinen Dorf noch nicht ganz umgesetzt werden kann.

Demonetarisierung: Die Bargeld-Reform hat in Indien deutliche Spuren hinterlassen

Es ist bald ein Jahr her, dass Indiens Ministerpräsident Modis über Nacht 86 Prozent des Bargelds für ungültig erklärte. Die Folgen dieser Maßnahme haben der Wirtschaft stark zugesetzt, wie sich immer deutlicher zeigt.

Von einer politischen Wechselstimmung zu sprechen, wäre übertrieben. Doch Narendra Modis Image des unfehlbaren Reformers, der Indien auf kurzem Weg in eine bessere Zukunft führen wird, ist lädiert.

Endgültig entscheiden die Inder erst bei den nächsten Parlamentswahlen über die politische Zukunft des Ministerpräsidenten; und diese sind im Frühjahr 2019. Doch im föderalen Indien stehen irgendwo immer Regionalwahlen an, die politische Klasse befindet sich quasi im Dauerwahlkampf. Gerade jetzt wird es wieder spannend. Im Dezember finden im westlichen Bundesstaat Gujarat Landtagswahlen statt: Als „Chief Minister“ hatte Modi hier über zehn Jahre das Sagen; der Urnengang gilt als wichtiges nationales Stimmungsbarometer.

Dass die Opposition kein gutes Haar an der Regierung lässt, ist demokratische Routine. Ganz anders sieht es aus, wenn die Kritik aus dem Herzen der eigenen Reihen kommt.

1. Woher kommt der Autor?

Dr. Ronald Meinardus leitet das Regionalbüro Südasien der FDP-nahen Friedrich Naumann Stiftung für die Freiheit in Neu Delhi. Die Stiftung will liberale Ideen stärken und liberale Reformen unterstützen.

2. Was passiert?

Ministerpräsident Modis Image leidet unter den Folgen der Bargeld-Abschaffung. Das hat politische Folgen.

3. Was soll ich denken?

Dass die Bargeld-Reform keine gute Idee war und Modi selbst das zu spüren bekommt.


Der erste Artikel zeigt die Probleme mit der bargeldlosen Wirtschaft also vor Ort. Der zweite Artikel betrachtet die Probleme auf politischer Ebene.

Ich habe hier nur die ersten Abschnitte der Artikel analysiert. Die Überschriften haben beide schon eine negative Richtung eingeschlagen.

Aber du kannst erkennen, dass sie aus ganz unterschiedlichen Perspektiven berichten. Interessant wäre es jetzt vor allem, im nächsten Schritt zu erkunden, wie denn indische Medien über diese Reform berichten und was Inder*innen selbst dazu sagen.

Wenn du den Autor oder Urheber kennst und hinterfragst, welche Gedanken und Gefühle sie oder er bei dir hervorrufen möchte, und wenn du überblickst, worum es wirklich geht, bewahrst du dich selbst leichter vor generalisierten Argumenten.

Wie und wo informierst du dich über dein Reiseland? Kannst du einen guten Film oder ein gutes Buch empfehlen? Ab in die Kommentare damit!

Wie du verantwortungs- und eindrucksvoll reist, lernst du bei VorFreudeBereitung.

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