Liebe*r reisende*r, helfende*r YouTuber*in

Ein offener Brief an wohlmeinende Influencer*innen

Ich weiß, ich bin spät dran mit meinem kleinen Aufschrei hier. Wahrscheinlich ist dein Video auf YouTube schon mindestens ein Jahr alt und ich habe es erst jetzt entdeckt. Ich habe erst kurz vor Weihnachten entdeckt, dass du und andere Influencer*innen passend zur Saison von Hilfsorganisationen angesprochen werden, oder selbst ansprechen. Du sollst oder darfst eine Reise mit dieser Organisation antreten, in ein Land im sogenannten globalen Süden. Sagen wir Kolumbien, oder Kenia, oder Uganda. Dort lernst du die Arbeit der Organisation kennen, triffst vielleicht ein paar Menschen vor Ort, filmst und wirst dabei gefilmt. Und dann entsteht ein Video für deine Zuschauer auf YouTube, das vielleicht fünf oder zehn Minuten lang ist. In seltenen Fällen wird auch eine längere Doku daraus.

Mich haben diese Videos ziemlich erschreckt. Sie haben mich wütend gemacht und dann traurig. Und ich bin mir dessen bewusst, dass ich mich hier in die – wenn auch kurze – Reihe von Kritikern einreihe. Den Kommentaren nach zu urteilen kommen solche Videos nämlich bei der Mehrheit sehr gut an. Ich bin kein Hater, wenn ich das mal so sagen darf. Dieser offene Brief ist sehr überlegt und mit den besten Absichten geschrieben.

Ich versuche, ihn in Form von Fragen zu verfassen. Vielleicht entsteht daraus ja ein Dialog?

Warum muss es der globale Süden sein?

Hättest du nicht auch Obdachlose in Berlin filmen können? Oder deutsche Müllhalden? Verlassene Dörfer in Deutschland, wo die Kinder weit fahren müssen, um zur Schule gehen zu können und die Jugendlichen keine Perspektive auf eine Zukunft haben? Gleichberechtigungsinitiativen in Deutschland? Menschen, die am Existenzminimum leben? Von mir aus auch ein Heim für geflüchtete Menschen. Warum muss es ein so fernes Land sein, dessen Sprache du vielleicht nicht einmal sprichst? In Deutschland kennst du dich vielleicht ein bisschen besser aus. Wie lange hast du dich denn mit der Vorbereitung auf diese Reise beschäftigen müssen, um ausreichend Kenntnis aller Umstände zu haben? Hast du dir diese Zeit genommen?

Ich glaube, es gibt genügend Baustellen in Deutschland, oder auch in Europa, um die du dich auf deinem Kanal auch nicht so oft kümmerst. Und so müssen Länder im globalen Süden für klischeehafte Berichte herhalten. Dort ist sowieso alles anders, und wir Berichtenden maßen uns ständig die Deutungshoheit an, die wir aber gar nicht haben. Nur fällt es eben weniger auf, weil das Land so exotisch und so anders ist.

Hast du die Einverständniserklärung der gefilmten Menschen?

Dann habe ich mich wirklich gefragt, ob jede einzelne Person, die in deinem Video auftaucht, weiß, dass sie darin auftaucht, und auch damit einverstanden ist. Sind die Eltern der Kinder darüber informiert worden? Sind sie damit einverstanden, dass ihre Kinder gefilmt und die entstandenen Videos im Internet veröffentlicht wurden? Ich frage das deshalb, weil es in Deutschland dafür strenge Regeln gibt. Und weil ich selbst ein kleines Kind habe und ich es regelmäßig sehr schwer finde, dafür zu sorgen, dass es nicht ungewollt im Internet erscheint. Meinst du, es reicht, dass du eine Weste oder ein T-Shirt mit dem Logo der Hilfsorganisation trägst, eine Kamera in der Hand hast und vielleicht noch von Kameras umgeben bist? Oder könnte es sein, dass die gefilmten Menschen, und gerade die Kinder, davon eher überrumpelt wurden und gar nicht anders konnten, als sich zustimmend vor der Kamera zu bewegen.

Und haben sie das Video gesehen, in dem sie selbst drin vorkommen? Sind sie damit einverstanden, wie sie repräsentiert wurden? Damit haben schon erwachsene Interviewpartner oft ein Problem. Sie beschweren sich oft, dass ihre Aussagen umgedeutet wurden, um in ein bestimmtes Bild zu passen. Bist du dir der Verantwortung bewusst, die du mit diesem Video auf dich genommen hast?

Warum unterscheidet sich dein Video so wenig von denen der anderen – und von meinen Erwartungen?

Vielleicht warst du gar nicht alleine in Kolumbien oder Kenia. Wahrscheinlich warst du Teil einer Kampagne, in der gleich mehrere YouTuber*innen dorthin eingeladen wurden. Warum sehe ich dann in jedem Video ähnliche Sachen? Tänze, bunte Kostüme, schlechte Lebensbedingungen, anstrengendes Kochen, haufenweise Kinder, chaotischer Verkehr, Handarbeit. Und warum wundert mich das nicht? Ich kenne all diese Bilder, all diese Stereotypen von vielen anderen Videos, Filmen, Büchern und von den Werbeplakaten der Hilfsorganisationen. Wo ist mal was „Normales“, oder etwas, was wir als „normal“ definieren würden? Warum filmst du nicht auch die Uni? Oder Street Art? Oder ein klassisches Konzert? Oder ein Co-Working-Space? Oder einen Anwohner, der ein funktionierendes, klimatisiertes Auto fährt? Wann brichst du mit meinen Erwartungen und überraschst mich mal so richtig mit einem Bild von Afrika oder Asien oder Südamerika, das es vorher noch nicht gegeben hat?

Wahrscheinlich lautet deine Antwort, dass du keine Zeit hattest und dass alles von der Organisation geplant war. Dann nimm dir nächstes Mal bitte mehr Zeit. Lese dich rechtzeitig vorher ein. Baue Kontakte zu Menschen vor Ort auf, die dir etwas zeigen können, was für unsere Augen ungewöhnlich erscheint. Und zwar wirklich ungewöhnlich, etwas Unerwartetes. Und nicht nur ungewöhnlich im Sinne einer Reproduktion von Vorurteilen und Klischees.

Warum bist du immer so selbstsicher und niemals verwirrt?

Zugegeben, es gibt einige wenige Szenen, in denen sagst, dass du „das alles“ noch verarbeiten musst und dich diese Reise noch lange begleiten und beschäftigen wird. Vielleicht sprichst du auch von Schuldgefühlen angesichts deines deutschen Wohlstandes. Aber was hat dich wirklich verwirrt? Was hast du nicht verstanden? In meinen Reisetagebüchern aus der ersten Zeit in Kenia habe ich versucht, mir alles irgendwie anhand von deutschen Maßstäben zu erklären. Aber so einfach ist das gar nicht. Dinge funktionieren anders in anderen Ländern. Überrascht dich das nicht? Gab es nicht auch Situationen, die du dir einfach nicht erklären konntest? Diskussionen, die nicht zur Einigung führten? Ich finde, du rutschst mir ein bisschen zu einfach durch diesen Kulturschock. Ich hätte gern mehrere Fragezeichen gesehen. Denn sie sind ein Hinweis darauf, dass du nicht einfach alles mit Deutschland vergleichst und danach einordnest, sondern dass du dich mit der Tatsache auseinandersetzt, dass auch wir aus dem globalen Norden nicht allwissend sind.

Warum lerne ich nur sehr wenig über politische und wirtschaftliche Hintergründe und Zusammenhänge?

Du filmst Menschen, denen es schlecht geht. Weil sie vor Kriegen geflüchtet sind. Weil Banden sie bedrohen. Weil ihr Geschlecht nicht so gut angesehen ist. Weil es jahrelang nicht geregnet hat. Aber wer profitiert von solchen Kriegen? Wieso gibt es solche Banden? Wie entstehen Geschlechterhierarchien? Warum regnet es nicht?

Und sind das wirklich die auslösenden Probleme? Welchen geschichtlichen Hintergrund haben all diese Entwicklungen? Welchen globalen, ökonomischen Zusammenhang gibt es?

Ich muss dich mit diesen Fragen allein lassen, denn ich habe auch nicht annähernd ausreichend Wissen, um Lebensmittelspekulationen, Klimawandel und westliche Einflussnahme hier umfassend zu erklären. Ich würde mir aber wünschen, dass du dich mit solchen Fragen auseinandersetzt. Sie sind trocken und langweilig, und die Antworten darauf sind meistens kompliziert und erschreckend. Das unterscheidet sich natürlich sehr vom bunten Alltagstrubel oder der exotischen Armut, die du filmst. Umso wichtiger finde ich es, die Zusammenhänge solcher Phänomene zu erörtern. Nur so können wir – deine Zuschauer – verantwortungsvoll handeln.

Warum schäme ich mich manchmal, wenn ich dein Video sehe?

  • Du willst den Schlafplatz von geflüchteten Menschen filmen, die nicht in ihrer Heimat und nicht in ihrem Zuhause sind. Sie sagen dir mehrmals, dass du das nicht darfst und dass es ihnen unangenehm ist. In Kenia werde ich niemals das Bett bestimmter Menschen sehen dürfen, aus Gründen des Anstands und Respekts. Fragst du bei deutschen Bekannten auch nach dem Schlafplatz?
  • Du – und viele deiner Kolleg*innen – sprichst mit streunenden Straßentieren auf eine menschlichere Art als mit Menschen.
  • Du stempelst das Nationalgericht eines Landes, ohne das ein Essen für viele Menschen kein richtiges Essen ist, als Haferschleim ab.
  • Du trägst löchrige Jeans während du dich in einer Wohngegend aufhältst, in der die Menschen froh sind, wenn sie wenigstens ein Kleidungsstück ohne Löcher haben.
  • Du unterhältst dich mit wesentlich älteren und erfahreneren Menschen, und anstatt ihnen wirklich zuzuhören, stellst du rhetorische Fragen, auf die sogar ich die Antwort schon weiß. Wenn du auch deine Meinung teilst, sieht es aus wie ein Dialog. Dabei erklärst du nur, wie es aus deutscher Sicht ist. Mich hätten die Geschichten, die Hobbys, die Weisheiten, die Ausgeflipptheiten, die Verrücktheiten und die Blödeleien dieser Menschen interessiert. Von denen gibt es doch auch schon so viele auf deinem Kanal.

Warum werde ich dieses Zoo-Gefühl nicht los?

Die Menschen, die du filmst, sehen anders aus als wir. Bereitwillig wie trainierte Tiere erzählen sie, wie schlecht es ihnen geht. Sie reproduzieren ihre Armut und zählen auf, was sie alles brauchen und was ihnen alles fehlt. Außerdem sind sie über die Maßen dankbar für die Unterstützung, die sie von der Hilfsorganisation erhalten, die dich zu ihnen gebracht hat. Es klingt wie ein Vortrag, den sie nicht zum ersten Mal halten.

Helfen Hashtags und Likes?

Gerade die jüngeren deiner Zuschauer werden wahrscheinlich nicht in der Lage sein, zu spenden. Mich hat dein Video zu diesem offenen Brief veranlasst. Aber was ist mit den anderen Zuschauern? Bekommt die Frau, die du damals gefilmt hast, von einem Daumen hoch mehr zu essen? Wird das Kind, für dessen Bildung du dich einsetzt, von einem Hashtag einen Abschluss machen können? Zumindest bringt dein Video Aufmerksamkeit, aber für wen? Für dich und die Hilfsorganisation? Für eine Situation der Armut, die ausweglos, ja sogar angeboren oder selbst verschuldet erscheint? Oder für das Potential aktiver, selbstbestimmter Menschen in einem anderen Land, von denen wir wesentlich mehr lernen können, als dass es uns so gut geht?

Wie geht es jetzt weiter?

Reist du nochmal hin? Machst du eine weitere Reise in ein anderes Land? Wirst du davon berichten – nein: WIE wirst du davon berichten? Wie geht es den gefilmten Menschen jetzt? Stehst du noch mit der Organisation in Kontakt? Was hat sich verändert? Was hat dein Video bewirkt? Ich würde mich sehr freuen, von dir und den positiven Auswirkungen deiner Kampagne zu hören.

Was erlaube ich mir eigentlich?

Danke, dass du bis hierhin gelesen hast. Da ich das Thema sehr beschäftigt, habe ich einfach auch viel zu sagen. Ich möchte dich mit diesem offenen Brief darauf aufmerksam machen, dass deine Art, den globalen Süden zu filmen, leider Vorurteile reproduziert. Sie macht Menschen zu Objekten und uns aus dem globalen Norden zu Helden, Helfern und Rechthabern. Wir werten, wenn auch unbewusst, andere Lebensweisen ab. Dadurch wird der globale Süden nie sein Potential entfalten können.

Wir können leider wenig dafür, denn schon unsere Vorfahren haben das so gemacht und diese Art zu berichten hat sich in unserer Gesellschaft vehement gehalten.

Aber wir, du und ich, haben ja die Möglichkeit, es anders zu machen. Unser Nichtverstehen offenzulegen. Globale, sozioökonomische Hintergründe darzustellen. Stereotype zu brechen. Erwartungen zu enttäuschen. Das Bild zu ändern. Und damit einer gerechteren Welt und einem Austausch auf Augenhöhe Platz zu machen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .