Ich werde 30. Wer wäre ich heute – ohne das Reisen?

Meine Reisen haben mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin.

Das ist immer mein Standard-Spruch. Und er ist wahr. Denn Reisen prägt und verändert. Was wäre wohl aus mir geworden, wenn ich nicht nach Südafrika und Spanien, Kenia und Skandinavien, Indien und Japan gereist wäre?

1. Ich wäre verplant und nicht sehr spontan.

Es war eine meiner ersten Reisen, auf denen ich eine Grenzphobie entwickelte. Ich fuhr mit dem Kinderchor nach Ungarn, das damals noch nicht zur EU gehörte. Und ich hatte meinen Kinderpass vergessen. An der Grenze musste der gesamte Chor stundenlang warten, weil die bewaffneten Grenzbeamten erstmal überprüfen mussten, ob es mich wirklich gab. Ich dachte schon, wir müssten vieleicht umdrehen, oder sie würden mich an der Grenze zurücklassen.

Zum Glück durfte ich dann einreisen. Aber danach kontrollierte ich auch bei kurzen Zugstrecken innerhalb eines Bundeslandes tausendmal, ob ich Ticket und Bahncard auch wirklich nicht vergessen hatte.

Einige Jahre später, auf dem Jakobsweg, zählte irgendwann nur noch das Heute, nur noch der nächste Schritt. Ich hatte nicht mal einen Wanderführer und durfte an jeder Herberge neu entscheiden: Bleibe ich? Oder gehe ich einfach noch weiter?

Inzwischen habe ich eine gute Balance gefunden. Ich plane viel, um die grobe Richtung nicht aus den Augen zu verlieren. Aber ich bin nicht mehr ständig panisch darauf bedacht, alle Details zu überprüfen.

2. Ich wäre nicht mit meinem Mann verheiratet.

Als ich kurz nach Abi und Jakobsweg in Kenia ankam, gab es eine kleine Einführung von meinem Gastbruder, der auch in der Organisation arbeitete, für die ich freiwillig arbeiten durfte. Er hatte eine deutsche Freundin. Es gab noch weitere deutsch-kenianische Paare in der Organisation und ich fragte mich insgeheim, wie um Himmels willen das denn funktionieren sollte. Ich war fest davon überzeugt, dass ich mich auf keinen Kenianer (oder sonst wen) einlassen würde.

Bei der Power-Point-Präsentation zur Einführung kam mein Gastbruder zu den Do’s und Dont’s kam. “Solltet ihr hier eine feste Freundin oder einen festen Freund finden,” begann er. Es folgte etwas übers Händchenhalten und Küssen in der Öffentlichkeit. Aber ich wusste, dass ich nicht aufpassen brauchte, denn mir würde sowas eh nicht passieren.

Zehn Jahre später habe ich gerade die zweite Hochzeitszeremonie in Kenia hinter mir, glücklicherweise sogar mit demselben Mann. Wir lernten uns zwei Monate nach der Einführung kennen, verlobten uns, führten eine Fernbeziehung, heirateten standesamtlich, führten die Fernbeziehung weiter, zogen schließlich zusammen, bekamen zwei Kinder und heirateten kirchlich. Während das Reisen mich zu dem Menschen macht, der ich heute bin, macht mein Mann mich täglich zu einem besseren Menschen.

3. Ich wäre eine ziemliche Spießerin.

Ich war lange Lieblingsschülerin der Lehrer und hatte gute Noten. Ich war unterbewusst oft darauf bedacht, Eindruck zu schinden. Ich wuchs in einer Gesellschaft auf, die sich absichert und einen guten Job hat. Ohne das Reisen wüsste ich wahrscheinlich nicht, dass es auch andere Optionen gibt. In anderen Ländern wie Indien und Kenia ist Unternehmergeist viel selbstverständlicher.

Auf Reisen durfte ich mich ausprobieren. Ich hatte Zeit, zu ergründen, was ich wirklich will. Darum bin ich heute selbstständig.

Kurz vor meinem 30. Geburtstag wohne ich nun in meiner ersten eigenen Wohnung mit Mann und Kindern. Wir beteiligen uns an einem Schrebergarten. Wir beschäftigen uns mit Tagesbetreuung und Stromverträgen. Wir haben eine Waschmaschine, eine Spülmaschine und ein Ebike.

Trotzdem sind diese Sachen nach meinen Rucksackreisen und der Fahrradtour von Deutschland nach Schweden nicht selbstverständlich für mich. Ich freue mich jeden Tag darüber und bin dankbar für all die komfortablen Gegebenheiten meines Lebens. Und ich lege Wert darauf, dass sie nicht überhand nehmen und ich sie als gegeben hinnehme.

4. Ich würde denken, ich hätte große Probleme.

  • Ob meine Haare sitzen.
  • Was andere generell von mir denken.
  • Welcher Kinderwagen der modernste ist.
  • Welche Zusatzteile ich für die Küchenmaschine besorgen sollte.
  • Zu welchen Kursen ich meine Kinder schicken sollte.
  • Wie viele Freunde ich bei Facebook habe.

Vielleicht würden mich solche Dinge wirklich beschäftigen, wenn ich nicht regelmäßig viel wichtigere Dinge zu tun hätte. Zum Beispiel eine Reise vorbereiten. Oder Dankbarkeit üben. Oder im Moment leben. Das sind Übungen, die ich mir unterwegs aneignete, weil ich merkte, dass ich meine Lebenszeit viel zu leicht damit verschwende, mir große Gedanken über Banalitäten zu machen.

Auf dem Küchenboden von Couchsurfern, beim Bäumepflanzen im Regenwald und in der Einsamkeit spanischer Kapellen habe ich gemerkt, dass ich nur ein winziger Teil von etwas sehr Großem bin. Und während ich meine Gedanken, Bedürfnisse und Gefühle inzwischen ernst nehme (auch das musste ich lernen), lasse ich sie nie zu meinem Universum werden, um das sich alles dreht.

5. Ich wäre Grüne oder Linke (oder so).

  • Ich wäre für Demokratie und gegen das Patriarchat.
  • Ich wäre für Umweltschutz und gegen Kinderarbeit.
  • Ich wäre für vegane Ernährung und gegen den Klimawandel.
  • Ich wäre für Entwicklungshilfe und gegen Reichtum.

Ich wüsste genau, was gut und was schlecht, was richtig und was falsch ist.

Doch durch das Reisen habe ich in Kenia Einblick in polygame Familienstrukturen bekommen. Ich durfte in Schweden in einer Moschee mitbeten. Ich habe vom Kindersegen und der Erfüllung als Hausfrau gehört. Ich habe in Japan erlebt, wie erleichternd es sein kann, wenn ein System für dich denkt und du das nicht auch noch machen musst.

Ohne meine Reisen wäre es viel einfacher, mir eine (politische) Meinung zu bilden. Einfach ein bisschen Politik und ein bisschen Tagesschau mit etwas Social Media vermischen. Aber ich kenne nun andere Ansichten, andere Lebensweisen und weiß, dass alle großen Ideen (auch angeblich universale wie Freiheit und Demokratie) aus bestimmten lokal gebunden historischen Zusammenhängen gewachsen sind. Darum bleibe ich konfus, verwirrt und offen.

6. Ich würde denken, so wie ich das mache, ist es richtig.

  • Auf der rechten Seite Auto fahren.
  • Eine Haftpflichtversicherung haben.
  • Impfen.
  • Um sieben Uhr spätestens zu Abend essen.
  • Maximal einmal die Woche meine Eltern anrufen.
  • Meinen Müll trennen.

All diese Kleinigkeiten mache ich aus Überzeugung, weil ich weiß, dass es richtig so ist. Gerade als unerfahrene Freiwillige bildet man sich schnell ein, die Welt retten zu können, wenn sich nur endlich alle an die festgelegte Uhrzeit halten würden, wie wir das in Deutschland machen.

Ich habe jedoch bald feststellen dürfen, dass anderswo Dinge einfach anders funktionieren. In Kenia fährt man links und viele Leute kommen dort auch ohne Haftpflichtversicherung ganz gut klar. Es wird wesentlich später gegessen und das Verhältnis zu den Eltern ist ein ganz anderes.

Ich bin oft versucht, Dinge wie Müllverschmutzung, Übergewicht, Korruption, Kinderarbeit und Stromausfälle anzuprangern. Aber dann erinnere ich mich daran, dass es anderswo in der Welt eben anders läuft. Dass wir hier ebenso unsere Baustellen haben. Und dass es mir als Gast in einem Land kaum zusteht, mit meinen geringen Kenntnissen irgendwas oder irgendwen zu beurteilen.


Mit etwas Glück hätte ich ein paar meiner heutigen Einsichten auch ohne meine Reisen erlangt. Trotzdem gut, dass ich unterwegs war und bin. So kann ich mit Dankbarkeit und Erleichterung auf die letzten 30 Jahre zurückblicken. Gut, dass ich keine verplante Spießerin bin, die sich einbildet, sie hätte große Probleme und mache alles richtig. – Oder?

PS: Und gut, dass ich den Kenianer geheiratet habe!

Dieser Artikel ist Teil einer wunderbaren Blogparade von Ferngeweht. Dabei fragt Sabine, ob und wie uns das Reisen verändert. Diese Frage hat ein Inspirationsfeuerwerk ausgelöst. Danke!

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